Die Kraft der menschlichen Präsenz

03.08.2026

Telefonseelsorger aus ganz Europa treffen sich in Budapest

The human touch – übersetzt der Faktor Mensch oder auch die Kraft der menschlichen Präsenz. Besser hätte der Titel des Kongresses des europäischen Dachverbandes der TelefonSeelsorge kaum ausgewählt werden können. Denn wir leben in Zeiten, in denen KI (künstliche Intelligenz) immer mehr Lebensbereiche erfasst und auch vor unserer Arbeit am Telefon sowie per Mail und Chat nicht mehr haltmacht. Aber was kann KI und was soll KI künftig dürfen? Diese Frage wird schon bald zu klären sein.

Wir acht Vertreter der TelefonSeelsorge (TS) Dortmund, die sich nach Budapest aufmachten, waren also sehr gespannt, was auf uns zukommen würde und wir wurden nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil. Das galt sowohl für die Tagung selbst, die Organisation, Vorträge und Workshops als auch für Besichtigungstouren zu Fuß oder per Straßenbahn durch die äußerst sehenswerte ungarische Hauptstadt mit ihrem immer noch vorhandenen bezaubernden K.u.K.-Charme.

Berührende und informative Vorträge

Auf dem Kongress beleuchteten hochkarätige Wissenschaftler die Themen  Kommunikation und KI aus vielen Perspektiven. Sie alle schufen zusammen mit rund 900 Teilnehmern auf dem weitläufigen Uni-Campus an der Donau eine quirlige Atmosphäre des Austausches und des gegenseitigen Verständnisses.

Zu den Vortragenden zählten übrigens auch Dr. Stefan Schumacher und Birgit Knatz von der TS Hagen sowie Michael Hillenkamp, der viele Jahre für die TS Dortmund tätig war und einen berührenden Vortrag über Würde hielt.

Sightseeing in Budapest

Und auch das Wetter sowie die günstige Lage des Hotels unweit der Donau gegenüber dem Uni-Campus auf der Pester Seite der Stadt trugen zum Gelingen bei. Unsere frühe Anreise machte es möglich, schon vor Beginn des Kongresses erste Erkundungstouren in die Stadt zu unternehmen, zuerst an der Donau entlang mit ihren vielen Straßencafés, den berühmten Burgberg mit Fischerbastei sowie Kettenbrücke und das Parlamentsgebäude immer im Hintergrund.

Um danach in der Innenstadt ein sehr lebendiges jüdisches Viertel mit Synagoge zu sehen, den bekannten Andrassy-Boulevard mit dem Heldenplatz am Ende, Oper und Stephansdom. Und natürlich kam auch das leibliche Wohl nicht zu kurz, denn Auswahl war genug vorhanden, die Preise eher moderat.

Kann KI menschliche Beziehungen ersetzen?

Was blieb hängen neben der Schönheit der Stadt? Der kroatische Hirnforscher Damir del Monte trug seine komplexen wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Kommunikation so temperamentvoll und mit derartigen Entertainer-Qualitäten vor, dass es Spaß machte, zuzuhören. Und sein israelischer Kollege Daniel Dor vertrat von der linguistischen Seite die These, 70 Prozent der Alltagskommunikation von Menschen werde darauf verwendet, Missverständnisse zu klären, die sich im Laufe des Gesprächs ergeben haben … Wie gut, dass wir bei der TS arbeiten können, wo so etwas selten passiert …

Das wissenschaftliche Komitee von Ifotes hat in seiner Kongress-Broschüre die Fragen aufgelistet, die uns als TS-Mitarbeiter in näherer Zukunft beschäftigen werden: Was ist real, was ist virtuell? Ist KI bereits so weit entwickelt, dass sie wesentliche menschliche Beziehungen ersetzen kann? Kann sie Menschen, die leiden, trauern oder einsam sind, wirkliche Entlastung und Trost bieten? Kann sie menschliche Präsenz, Mitgefühl und Empathie ersetzen?

Eine mögliche Antwort gab die scheidende Ifotes-Präsidentin Sonja Karrer: „KI kann die Menschen der Telefondienste nicht ersetzen. Sie kann aber entlasten, bei der Qualitätssicherung behilflich sein und rund um die Uhr eingesetzt werden. Aber kann KI zwischen den Zeilen lesen, sensible Zusammenhänge verstehen und angemessen reagieren? Irgendwann vielleicht …“

Ein Wiedersehen in drei Jahren

Wir waren uns als Teilnehmer aus Dortmund einig, dass die Tage in Budapest neben den vielen neuen Eindrücken und den fachlichen Impulsen auch das Zusammenwachsen unserer Gruppe gefördert haben. Die gemeinsamen Tage haben nicht nur den fachlichen Austausch gefördert, sondern auch die Gelegenheit geboten, sich untereinander besser kennenzulernen und neue Kontakte zu knüpfen.

Der nächste Ifotes-Kongress soll in drei Jahren stattfinden. Wo, ist noch nicht bekannt. Vielleicht haben ja weitere Ehrenamtliche Lust, sich anzuschließen.

Bild: I. Bernhardt
Ein Artikel der Teilnehmenden aus der TelefonSeelsorge Dortmund: Regina Reiffenberg (Leitung), Irmgard Bernhardt, Renate Bonauer, Susanne Hake-Heier, Anja Muth, Stefan Pohl, Klaudia Scheil, Brigitte Schuster

Fotos: I. Bernhardt und R. Reiffenberg