Christina Ernst ist seit letztem Jahr Prädikantin im Kirchenkreis und sie ist trans
Von Erik Benger
Das Wetter draußen ist ungemütlich, es ist kalt, nass und grau. Doch in der Sakristei der Pauluskirche ist es warm, trocken und alles andere als grau. Das liegt vor allem an Christina Ernst in ihrem farbenfrohen Outfit, bei dem die Rottöne dominieren. Vor ihr steht ein süßlich duftender Tee, der dem Raum zusätzlich Akzente von Gemütlichkeit verleiht. Die Sakristei ist einer von Christinas Lieblingsorten, nicht nur, weil sie eine voll ausgestattete Küche aufweist, sondern auch, weil Christina sehr viele positive Momente mit diesem Ort verknüpft.
Quelle: Erik Benger Christina Ernst ist seit November Prädikantin in der Lydia-Kirchengemeinde in Dortmund. Damit ist sie ein Novum: Denn sie ist in Westfalen die erste Trans-Person in diesem Amt. Dass sie selber trans ist, ist für ihre Gemeinde aber „bis zur Langeweile uninteressant“, erzählt sie mit einem Lächeln. Diese Offenheit für queere Themen ist keine Selbstverständlichkeit.
Christina hat erst spät in ihrem Leben gemerkt, dass sie trans ist, auch wenn sie schon in ihrer Kindheit und Jugend merkte, dass etwas anders ist. Sie hat sich z. B. immer wohler zwischen Mädchen und Frauen als zwischen Jungs und Männern gefühlt. Außerdem hatte sie damals in den Ruhrnachrichten, da war sie zwischen 8 und 9 Jahre alt, einen kurzen Text gelesen: „Aus Tim wurde Kim“. Den hatte sie lange aufgehoben, warum, das begriff sie erst später.
„Irgendwann gab es in meinem Leben die ein oder andere etwas größere Katastrophe. Die hat dann halt vieles in meiner Psyche aufgebrochen, und dann ist es mir irgendwann bewusst geworden“, erzählt Christina. Ihr Outing verlief durchwachsen. Ihr Freundeskreis sowie ihr Arbeitsumfeld akzeptieren sie, so wie sie ist. Bei ihren Kindern dagegen war es eine besondere Herausforderung. „Für sie werde ich auch immer ihr Vater sein, aber ich bin glücklich, dass sie mich mit Tina ansprechen“, sagt Christina und fügt hinzu: „Schwierigkeiten gibt es auch vereinzelt bei meiner Kundschaft im Café.“
Doch dass gerade ihre Gemeinde sie so annimmt, wie sie ist, erfüllt sie mit Freude. Strahlend erzählt sie: „Ich bin ein Glückskind, eine Gemeinde kennengelernt zu haben, die sich dafür interessiert, welcher Mensch durch die Tür kommt und nicht, welche Frau oder welcher Mann.“ Dann fügt sie hinzu: „Für alle bin ich einfach nur Christina.“ Zur Lydia-Kirchengemeinde kam sie vor vielen Jahren durch Pfarrer Friedrich Laker, den sie im Zusammenhang mit einer Idee für ein Wohnungslosen-Café kennenlernte. Seitdem engagierte sie sich in der Gemeinde in der Nordstadt und ist nun sogar einen Schritt weitergegangen, indem sie Prädikantin wurde.
Quelle: Erik Benger Ihr neues Amt erfüllt sie, denn damit kann sie an andere Menschen weitergeben, was für sie christlicher Glauben ist: Nächstenliebe, Dankbarkeit, Achtsamkeit und Hoffnung. Aber dabei soll es nicht bleiben. Mit ihrer neuen Aufgabe möchte sie auch andere queere Menschen motivieren, die Kirche mit anderen Augen zu sehen und begründete Vorurteile hinter sich zu lassen. Dabei ist sich Christina auch im Klaren: Die Kirche hat bei diesem Thema viele Fehler gemacht. „Für mich ist es aber ungerecht, nur das Schlechte zu sehen, denn Kirche hat auch vieles gut gemacht“, sagt sie.
Der Tee vor Christina ist längst ausgetrunken, doch die Gemütlichkeit ist geblieben. Entspannt lehnt sich Christina auf ihrem Stuhl zurück und für einen kurzen Moment hält sie inne, dann sagt sie: „Bei mir hat Kirche vieles gut gemacht, indem sie mir einen Raum gab. Und wer sich darauf einlässt, kann auch für sich so einen Raum finden. Das heißt natürlich nicht, dass wir immer alles richtig machen. Denn auch wir sind Menschen.“