Frauenperspektiven in herausfordernden Zeiten
Die Atmosphäre in der Petrikirche ist aufgeladen mit positiver Spannung. 120 Frauen sitzen an langen Tafeln und sind offen für neue Impulse. Sie lauschen den Tischreden, besprechen sie miteinander, essen gemeinsam, lachen und erfreuen sich an Livemusik und Kabarett. Im Programm steht: „Hier treffen sich Frauen aus Politik, Kirche und Stadtgesellschaft“. Und sie scheinen überaus interessiert zu sein.
Viktoria Rösch von der Uni Frankfurt spricht über „Tradwifes“, also über junge Frauen, die das traditionelle Frauenbild favorisieren. Bei Instagram sind sie gut gekleidet und gelaunt, können hervorragend backen und wollen nichts mehr, als ihren Ehemann glücklich machen. „Die nostalgische Überhöhung starrer Rollenbilder bietet immer auch Anknüpfungspunkte für autoritäre Kräfte“, warnt Rösch. Und dies führe zu der Frage, wie wir in einer pluralen Gesellschaft zusammenleben wollen. Einer Frage, deren Beantwortung eine wichtige Aufgabe sei.
Die Wissenschaftlerin bekommt stürmischen Applaus. Die Broschüren, die sie zum Thema mitgebracht hat, sind in wenigen Minuten vergriffen. An den Tischen wird über das traditionelle Frauenbild diskutiert. Belebend dabei ist, dass die Anwesenden unterschiedlichen Generationen angehören.
Nach einer Zwischenmahlzeit mit Musik beginnt der mit Spannung erwartete Vortrag von Dr. Adelheid Ruck-Schröder, der Präses der Ev. Kirche von Westfalen. Der Titel: „Amt und Macht – Herausforderungen christlicher Frauenbilder“.
Adelheid Ruck-Schröder hat die versammelte Aufmerksamkeit. „Ich freue mich über jede junge Frau, die Pfarrerin wird“, sagt sie. Dass es tatsächlich männliche Kollegen gebe, die vor einer „Feminisierung der Kirche“ warnen, finde sie ungeheuerlich.
Und dann ist sie bei einer ihrer ganz persönlichen Geschichten, die sie noch immer beschäftigt. Als die Theologin 2021 in Hildesheim als neue Regionalbischöfin eingeführt wurde, da kniete sie nämlich vor dem Landesbischof nieder. Dafür wurde sie kritisiert: Dies sei doch unangemessen für eine emanzipierte Frau. „Doch in meinem Empfinden kniete ich nicht vor dem Bischof, sondern vor Gott nieder“, sagt sie. Und auch als sie im letzten Jahr von einer Frau in ihr Amt als Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen eingeführt wurde, sei das so gewesen.
Klar sei: Beide Male ist sie mit einer Geste der Unterwerfung in ein machtvolles Amt eingeführt worden. Eine Ambivalenz von Macht und Demut nennt sie das. Und sie hat sich etwas vorgenommen: „Ich weiß, dass mein Amt mit Macht verbunden ist. Ich bin dabei, das zu entflechten.“
Die Stimme von Frauen in der Kirche sei enorm wichtig, führt die Präses weiter aus. Sie sollten nicht schweigen, sie sollten reden, sich beteiligen, sich ermächtigen, „nicht abnehmen, sondern an Gewicht gewinnen – an Leib, Seele und Geist“.
Großer Zuspruch an den langen Tischen. Alle Frauen scheinen noch etwas aufrechter dazusitzen als zuvor. Selbstbewusst. Gespannt auf den nächsten Vortrag.
Elisabeth Brenker, Gleichstellungsbeauftragte der TU Dortmund, teilt ihre Erfahrungen mit politischen Rollen. Es ist der persönlichste Vortrag an dem Abend, der manche zu Tränen rührt. Brenker ist Feministin, sie weiß, dass „alles Private auch politisch“ ist. Ihre Aufgabe an der TU nimmt sie sehr ernst und gerne wahr. Ebenso gerne ist sie Familienmensch und Mutter eines kleinen Kindes. Sie wolle „politisch wirksam sein“, sagt sie. Von überall aus.
Auch als Mitglied im Dortmunder Stadtrat hat sie Erfahrungen gesammelt. Sie hat sich in ihrem Leben dazu entschieden, Verantwortung zu übernehmen und damit auch: Macht! Denn der Wunsch nach Macht, sei nichts Schlechtes, vermittelt sie. Das habe sie auch erst lernen müssen. „Macht“ komme von „Machen“ und bedeute, Verantwortung zu tragen.
Und von dieser Macht sollten Frauen viel mehr abhaben.
Angelika Herstell
Bild: Angelika Herstell
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