Gedankenspiele schlagen Brücke vom „Drinnen“ zum „Draußen“
von Angelika Herstell
Mutig und engagiert waren schon einige Projekte der JVA Dortmund. Gerade bei Kulturveranstaltungen ist es immer wieder gelungen, eine Brücke vom „Drinnen“ zum „Draußen“ zu schlagen, Dortmunderinnen und Dortmunder ins Gefängnis einzuladen, einen Austausch zu ermöglichen, Vorurteile abzubauen. Das neueste Projekt der JVA ist etwas ganz Besonderes.
Da ist eine große Gruppe von 27 engagierten Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen der Frage nachgegangen, ob denn eine Welt ohne Gefängnisse erstrebenswert sei, und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen. Darüber sprachen an vier Nachmittagen Inhaftierte, Sozialarbeitsstudierende und Dozenten der FH Dortmund, Mitarbeitende der Justizvollzugsanstalt sowie die Gefängnispfarrerin und -seelsorgerin Barbara Pense miteinander. Sie ist eine der Initiatorinnen des Projekts.
Barbara Pense war das Projekt wichtig, weil es letztendlich um eine gelingende Integration der Inhaftierten in die Gesellschaft gehe. „Dabei ist es zielführend“, sagt sie, „die Auseinandersetzung in die Mitte der Gesellschaft zu holen und vor allem die Inhaftierten daran zu beteiligen.“ Es gebe genügend Modelle im Ausland, die zeigten, dass die gesamte Gesellschaft von Reformen profitiert, die das gemeinsame Leben so früh wie möglich realisieren.
Die Teilnehmenden an den Diskussionsrunden in Dortmund haben einige Möglichkeiten und Visionen besprochen. Es ging beispielsweise um Lockerungsmöglichkeiten innerhalb des Vollzugs, also etwa um den Offenen Vollzug, im Rahmen dessen die Inhaftierten außerhalb der Mauern arbeiten. „Warum sind da so viele Plätze frei, die nicht besetzt werden?“, fragt ein Strafgefangener. Diskutiert wurden auch elektronische Fußfesseln. Es ging um mögliche Unterstützung für entlassene Inhaftierte, für die es nicht immer sinnvoll ist, in ihr altes Milieu zurückzukehren.
Zum Abschluss des Projekts gab es eine Podiumsrunde mit Experten. Auch die Presse war eingeladen. Auf dem Podium saßen neben dem Dortmunder Polizeipräsidenten Gregor Lange eine Professorin der FH-Dortmund, eine Straffälligenhelferin, Vertreter der Justiz, ein Herr vom Weißen Ring und die Leiterin der JVA Dortmund, Nina Gygax. Sie hält das „Übergangsmanagement“ in NRW für durchaus verbesserungsfähig, sagt sie, gemeint ist der Übergang von entlassenen Strafgefangenen in die Freiheit.
Diskutiert wurden Fragen wie: „Was ist die Hauptsache am Vollzug? Abschreckung? Resozialisierung? Therapie?“
Der Leitende Staatsanwalt Christian Petlaski aus Dortmund berichtet, dass bei Gericht immer nach Alternativen zu einer Haftstrafe gesucht werde, möglichst einer Bewährungs- oder Geldstrafe. „Dies setzt aber die Mitarbeit des Täters voraus.“
Unterschiede zeigen sich gerade im Publikum in der Haltung gegenüber Gefängnissen allgemein. Justizvollzugsanstalten seien „menschenfeindliche Institutionen, die abgeschafft gehören“, sagt eine Studentin. Der Polizeipräsident hingegen spricht von einer „Einrichtung, die dafür sorgt, dass Menschen so wenig wie möglich mit Straftaten konfrontiert werden“. Und der Vertreter des Weißen Rings gibt zu bedenken, dass Opfer sich möglichst sicher fühlen sollten.
Gefängnisseelsorgerin Barbara Pense und JVA-Leiterin Nina Gygax bedankten sich bei allen Teilnehmenden, vor allem bei den Inhaftierten, die sich im Projekt engagiert haben. „Dank und Respekt für Ihre Offenheit. Sie haben Ihre Lebensgeschichten eingebracht, über Steine berichtet, die Ihnen in den Weg gelegt wurden und über Ihre Erfahrungen im Vollzug, die auch nicht immer positiv sind“, so Gygax. Das Engagement der Inhaftierten wurde mit einem extra Applaus gewürdigt.
Die Diskussion über Sinn und Zweck des Strafvollzugs, über Haftbedingungen, Zukunftsvisionen und Perspektiven, geht weiter.
Quelle: Chris Blex