Ich schaue auf die Uhr und auf meine ToDo-Liste. Da steht noch eine Menge drauf, was ich vor der Ankunft schaffen will. Die Liste liegt direkt neben dem bunten Teller. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber diese Schokokränze mit den kleinen Zuckerkügelchen drauf, an denen kann ich nicht vorbeigehen, ohne mir einen in den Mund zu schieben. Manche finden die Schokolade muffig, ich nicht. Ich rede mir ein, die Zuckerkügelchen sind meine ganz persönlichen Globuli für Weihnachtsstimmung – therapeutisch sozusagen.
Es kann losgehen. Ich sortiere die Punkte meiner Liste nach Priorität: Bevor ich den Weihnachtsbaum reinhole und aus dem Netz befreie, sollte ich erst nochmal saugen, oder? Gesagt, getan. Und dann hole ich die Schere. Vorsichtig, ganz vorsichtig, schneide ich Faden für Faden durch. Damit der Weihnachtsbaumständer Zeit hat, sich seiner Bedeutung bewusst zu werden. Erst entfaltet sich nichts, aber als ich unten angekommen bin, ziehe ich sacht, aber bestimmt und der Baum streckt seine Äste aus. Es ist wie ein Aufatmen. Auch ich atme auf, als alles steht und stehen bleibt.
Die leicht schwingenden Äste zaubern mir ein Lächeln auf die Lippen und Wärme ins Herz. Wie wunderschön. Weihnachten. Nächster Schokokranz. Jetzt der Koffer, ein großer alter aus Pappe, braun, mit vielen Zeichen der Zeit, nicht weit, aber lang gereist. Er birgt die Schätze meiner Familiengeschichte: Kerzenhalter, die, ebenso wie die kleinen silbernen Kugeln mit den weiß-roten Bindfäden, noch von meiner Großmutter sind. In einer kleinen grauen Pappkiste mit 12 Fächern liegen sie. Alt und zerbrechlich sind die Kugeln. Und mit großer Ehrfurcht hänge ich sie an den Baum. Immer so, dass ein Licht sich in einer Kugel spiegeln wird, wenn es so weit ist.
ETA 10 h *
Es ist, als würde mit jedem Teil, das am Baum landet und entsprechend vielen Schokokranz-Globuli mein Weihnachtsherz wachsen. Ich komme gefühlt mir selbst immer näher, werde vorfreudiger, aber auch empfindsamer.
Ich arbeite mich Schicht für Schicht durch den Koffer und finde Papierengel und Vögel, bunt bemalt von Kinderhand. Ich kann nur ahnen, von wem. Alles keine Wertgegenstände, keine Kunstwerke – aber voller Liebe. Ich weiß, dass es diese Anhänger auf der ganzen Welt gibt. Sie werden genauso gehütet werden wie meine und alle Jahre wieder haben sie den Platz am Baum sicher. In meinen Gedanken wird aus den Papierengeln eine wahre Girlande, die Baum mit Baum, Mensch mit Mensch, Kultur mit Kultur verbindet, durch alle Zeiten und auch durch alle Schmerzen hindurch.
Denn wenn es dunkel wird – ETA 1 h * – dann werden sie an das Licht erinnern, ihr stilles Gloria in excelsis anstimmen und die Liebe, die da ankommt, für die Menschen spürbar werden lassen: Ja, Gottes Herz schlägt für Dich.
Ihre
Leonie Grüning
Ständig Stellvertretende Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund
* erwartete Ankunftszeit