Da liegt sie. Wiegt das Kind im Arm, lächelt zärtlich und streichelt sanft über den Rücken des Neugeborenen. Maria. Namensgeberin der 600 Jahre alten Kirche auf dem Dortmunder Ostenhellweg. Das dreigeteilte Bild über dem Altar, Retabel genannt, ist ihr gewidmet – geschaffen hat es Conrad von Soest um 1420 herum. Er bezeichnete sich selbst nicht als Künstler, sondern als Handwerker – und was er malte, das bestimmten seine Auftraggeber. Und so entstand ein Bild, das so ganz anders ist als unsere Vorstellung vom schlichten Stall mit Ochs und Esel. Maria liegt hier weich gebettet auf einem dicken Kissen, sie ist in eine rote Decke gehüllt, und der Boden unter ihr ist sogar gefliest.
Eine, die sich wieder und wieder mit dem Gemälde beschäftigt hat, ist Silvia Schmidt-Bauer. Die Kunsthistorikerin verbringt mehr als zehn Stunden pro Woche in St. Marien, steht während der Öffnungszeiten der „verlässlich offenen Kirche“ für alle Fragen der Besucher*innen bereit und sorgt dafür, dass sich die Dortmunderinnen und Dortmunder „diese hochkarätige Kunst erobern können.“ Als eine von insgesamt 35 Männern und Frauen führt sie auch Stadtpilgertouren im Evangelischen Kirchenkreis durch und macht so das reiche kulturelle Erbe der Stadt zugänglich. „Die Fülle an Themen ist dabei unerschöpflich“, schwärmt Kunsthistorikerin Dr. Johanna Beate Lohff, die vor drei Jahren die Verantwortung für das Projekt StadtPilgerTouren übernommen hat.
Am Samstag, 14. Dezember, können sich Interessierte ab 14:30 Uhr kostenlos von Silvia Schmidt-Bauer durch die dann schon vorweihnachtlich geschmückte Kirche führen lassen. Die Tour ist niederschwellig aufgebaut, setzt kein christliches Wissen voraus: „Viele kennen die eigentliche Geschichte ja gar nicht mehr“, weiß die erfahrene Kunsthistorikerin – und beginnt darum, erst einmal damit, zu erklären, was die Evangelien über die Geburt Jesu in der Bibel erzählen.
Bei der Betrachtung des Altaraufsatzes geht es dann auch ganz handfest um die Materialien, aus denen das Bild gemacht wurde – Gold, Zinnober und Lapislazuli waren kostbar und schwer zu beschaffen. Ihr Einsatz sagte auch etwas über die Auftraggeber des Bildes aus; so wie eben auch die Verlegung der Szene raus aus dem Stall: „Die reichen Patrizier mögen sich gedacht haben, wir sind eine freie Hansestadt, unsere Maria liegt doch nicht auf Stroh“, vermutet Silvia Schmidt-Bauer schmunzelnd, und verrät auch gleich noch, warum sich Conrad von Soest beim Malen beeilen musste: „Eidotter war ein Bestandteil der Farbe, denn Ölfarbe gab es noch nicht. Eigelb wird schnell hat – einmal festgebacken, hat damit selbst die Spülmaschine Schwierigkeiten.“
In St. Marien der Weihnacht auf der Spur
- Samstag, 14. Dezember,
14.30 -16 Uhr, führt
Silvia Schmidt-Bauer durch die
Ev. Stadtkirche St. Marien,
Kleppingstraße 5,
44135 Dortmund.
Die Teilnahme ist kostenlos.