„Mut statt Angst“

27.01.2026

Beim Umgang mit sexualisierter Gewalt gibt es Unsicherheiten und Widerstände. Darunter leiden die Betroffenen– aber auch die Helfenden

„Ich habe Angst, etwas Falsches zu sagen.“ „Muss ich selber herausfinden, ob das stimmt, was mir da erzählt wird?“ „Wie kann ich Distanz wahren, obwohl ich doch eigentlich Nähe anbieten will?“ Aber auch: „Was, wenn ich in einen Loyalitätskonflikt komme, weil ich die Person mag, um die es geht?“

Es sind ganz praktische Fragen wie diese, die Menschen umtreiben, die sich mit diesem sensiblen Thema beschäftigen: Wie verhalte ich mich, wenn mir eine Kollegin, ein Kollege etwas über einen erlebten oder beobachteten sexuellen Übergriff erzählt? Darum heißt einer der sechs Workshops im Rahmen der Synodalversammlung „Umgang mit sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche“ am Montagabend auch „Mut statt Angst“. „Bleiben Sie zugewandt, und machen Sie sich klar: Sie müssen weder die Situation analysieren noch entscheiden, was wirklich geschehen ist.“ Regine Wittler, eine der Workshop-Leiterinnen, versucht den Teilnehmenden diese Sorge zu nehmen: „Betroffene brauchen keine perfekten Helfer*innen – sie brauchen Menschen, die präsent, ruhig und respektvoll sind. Das reicht.“

Prävention und Aufarbeitung

Zwei Jahre sind vergangen, seit mit der Veröffentlichung der sogenannten ForuM-Studie über sexualisierte Gewalt jedem klar sein muss, dass das Thema auch die Evangelische Kirche und ihre Diakonie betrifft. Zwei Jahre, in denen die Landeskirchen und Kirchenkreise Prävention und Aufarbeitung – mehr oder weniger erfolgreich – vorangetrieben haben. Im Kirchenkreis Dortmund bedeutet das konkret: Die fünf Mitarbeiterinnen der Präventionsfachstelle schulen fast täglich haupt-, neben- und ehrenamtlich Mitarbeitende in Gemeinden, Einrichtungen und Diensten. Vom Kindergarten bis zur Frauenhilfe, von der Jugendarbeit bis zum Seniorenkreis. „Sexuelle Grenzverletzungen können an jedem Ort, zu jeder Zeit passieren. Und sie betreffen leider Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts“, betont Leonie Grüning, die Ständig Stellvertretende Superintendentin.

Gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten des Kirchenkreises, Anna-Lena Schmidt, den Fachfrauen aus der Präventionsfachstelle und mit Vertreter*innen des Ausschusses für Geschlechtergerechtigkeit initiierte Grüning die Tagung, zu der sich 130 Menschen aus dem Kirchenkreis anmeldeten. Ein Gespräch mit einem Betroffenen, eine theologische Auseinandersetzung mit dem Thema „Schuld“ und Denkanstöße für sensible Gottesdienstgestaltung waren weitere Themen, mit denen sich die Teilnehmenden beschäftigen konnten.

Im Workshop berichtet ein Betroffener

Zur Wahrheit gehört leider auch, dass nicht alle Menschen begeistert darüber sind, dass sie sich mit Grenzüberschreitungen allgemein auseinandersetzen oder sich mit der Erstellung eines Schutzkonzeptes konkret beschäftigen sollen. „Manchmal erleben wir Widerstände – bei einzelnen Personen, aber auch in Gruppen“, weiß Daniela Abels-Ehrenfried, Leiterin der Präventionsfachstelle, um die Widerstände. „Dabei helfen zum Beispiel Schutzkonzepte, Regeln einzuhalten“, betont der Journalist und Theologe Christoph Fleischmann in seinem Impulsreferat und ermutigt: „Die Institution muss Regeln aufstellen, um Schutzräume zu schaffen, in denen Menschen gar nicht erst in die Situation geraten, wo sie nein sagen müssen.“

Schutzkonzepte helfen Betroffenen und Helfenden

Bis Juni 2026 sollen alle evangelischen Gemeinden und Einrichtungen Schutzkonzepte erarbeitet haben. Fleischmann: „Man muss sich mit dem Thema selber auseinandersetzen. Mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten.“ Die Synodalversammlung sei da nur ein Zwischenstopp auf einem langen Weg, so die Moderator*innen, Claudia Schirmer und Bertram Althausen. Sie führten unaufgeregt und fachkundig durch den Abend und fassten schließlich zusammen: „Veränderungen kommen nicht von allein. Es braucht Leidensdruck. Eine klare Vision. Und die Entschlossenheit, die ersten Schritte zu gehen.“

Ansprechpersonen und Informationen

Ansprechpersonen und hilfreiche Informationen für Betroffene und einen Wegweiser für die Meldung und Klärung von Verdachtsfällen und Übergriffen gibt es unter