Retten die Kirchen unsere Demokratie?

Zukunft der Kirchenbauten in Dortmund: Kommission will möglichst viele Menschen beteiligen und für den Erhalt historischer Gebäude gewinnen

Eine subjektive Betrachtung von Nicole Schneidmüller-Gaiser

„Die Kirche“, so höre ich im Rahmen der Veranstaltung „Zur Zukunft der Kirchenbauten in Dortmund“, sei wichtig für die Demokratie. Und „die Kirchen“, also die Gebäude, in denen Menschen seit Jahrzehnten und Jahrhunderten zusammenkommen, um zu beten, zu feiern, zu trauern, um Kultur und Gemeinschaft zu erleben, seien es auch, sagen die Referenten. Mehr als 100 Menschen sitzen in der Dortmunder Marienkirche, an einem Donnerstagabend. Viele von ihnen, um nicht zu sagen: der Großteil, ist 60 Jahre und teilweise deutlich älter. Sie sollen heute „die Stadtgesellschaft“ repräsentieren. Hintergrund für die Veranstaltung ist eine vom Rat der Stadt berufene „Zukunftskommission Kirchenbauten in Dortmund“. Eingeladen haben das Seminar für Kunst und Kunstwissenschaft der Technischen Universität Dortmund und die „Stiftung Kulturgut und Kirchenmusik der Evangelischen St. Mariengemeinde Dortmund“.

In Hagen, meiner Heimatstadt, hat die Evangelische Kirche längst begonnen, Kirchen und Gemeindehäuser zu schließen. Für knapp 10.000 Euro konnte man unlängst ein Gotteshaus im Stadtteil Eckesey kaufen – denkmalgeschützt, vom Hochwasser 2021 geflutet, von den Menschen, die drumherum leben, kaum noch wahrgenommen. Die Beratungen, welche Kirchen noch geschlossen werden müssen, sind in vollem Gange. Denn Kirchen mögen „Orte des Runterkommens“ und „Orte des konsumfreien Aufhaltens“ sein. Es sind zweifelsfrei „kühle Orte“ im Sommer und hoffentlich „wärmende Orte“ für Menschen, die einsam oder auf der Suche sind. Ein geladener Architekt, Jörg Feste, nennt sie außerdem in seinem Impuls in der Marienkirche „Dritte Orte des Zusammenhaltes“ und sagt: „In der Regel gibt es keinen gesellschaftlichen Ersatz“. In den Kirchen, so schwärmt er, finde „selbstloses Eintreten für andere“ statt – und würden sie geschlossen, entwidmet, gar abgerissen, dann „verschwinden mit den Kirchen auch die Orte für Chöre und Kleiderkammern, für Frauenhilfen, für Hilfen für Geflüchtete.“

Sonntags bleiben viele Kirchen fast leer

Aber Orte, in denen das Leben pulsiert, an denen sonntags Stühle herangeschleppt werden müssen, weil so viele Menschen Gottesdienst feiern wollen, oder Orte, an denen sich Tag für Tag Kinder-, Jugend- und Erwachsenengruppen treffen, über Stunden, weil die Kirche wie ein erweitertes Wohnzimmer für sie ist, in das sie wie selbstverständlich mehrmals pro Woche gehen – das sind sie eben meist nicht mehr.

Und die Menschen lassen – zu einem zunehmend großen Teil – eben nicht nur ihre Kirchengebäude im Alltag links liegen. Sondern sie treten auch aus der Kirche aus, weil es ihnen eben nicht mehr so viel bedeutet, erkennbares Mitglied dieser Gemeinschaft zu sein. „Weil ich die Institution nicht brauche, um an Gott zu glauben“, sagen manche. „Weil unter dem Dach der Kirche so viel Unrecht geschehen ist“, kritisieren andere. Und haben in der Sache absolut Recht – aber in der Konsequenz? „Weil ich das Geld für etwas Anderes ausgebe, ausgeben muss“, sagt kaum jemand – aber auch das mag ein Grund sein. Ein gewichtiger.

Wer kümmert sich um den Erhalt der Gebäude?

Und so werden wir weniger. Von Jahr zu Jahr. Mit den Mitgliedszahlen sinken die Kirchensteuereinnahmen – und die, die sich um die Finanzen kümmern, fragen sich besorgt, wie sie das marode Kirchendach erneuern können, wie sie die denkmalgeschützte Kirche CO2-neutral bekommen, womit sie die laufenden Kosten decken sollen. „Die Kirche für den Sonntag zu heizen“, so hat mir mal ein Küster im Winter vorgerechnet, „kostet jedes Mal mehrere hundert Euro.“

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin praktizierende und überzeugte Christin. Mein Glaube an Gott, an Nächstenliebe und die Überzeugung, dass einem jeden Menschen von Gott eine eigene, individuelle Würde zugesprochen ist, verbieten nach meiner Überzeugung jede Art von Rassismus, Ausgrenzung, zügellose Gier und die Ausbeutung der Natur. Insofern ist die Demokratie für mich als Christin die logische Staatsform, denn nur in der Demokratie wird zumindest der Versuch unternommen, Chancengleichheit herzustellen, werden Schwache nicht aussortiert, sondern von der Gemeinschaft unterstützt. Und wenn kluge und studierte Menschen, wie auch der referierende Politikwissenschaftler Sebastian Kurtenbach, sagen, dass „die Kirche helfen kann, die Demokratie zu erhalten, weil sie Orte der Begegnung bereitstellt“, dann freut mich das einerseits sehr.

Wichtige Orte der Begegnung

Doch ich sehe auch in Dortmund, meiner beruflichen Heimat, wie wir in den Gemeinden rapide an Mitgliedern verlieren – und frage mich, wohin das führen wird. Und ob die Menschen sich vielleicht sowohl von der Kirche entfremden – als auch von der Demokratie.

„Die Kirche muss doch … wer ist denn die Kirche?“, fragt eine Zuschauerin leidenschaftlich. „Das sind doch wir alle. Aber die Zahl der Menschen, die sich engagieren wollen, wird doch immer kleiner.“ Beifall – doch in den Gesichtern derjenigen, die die Gebäude retten wollen, steht ein „Trotzdem“. Heike Proske, meine Chefin, die Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises, hat nach zwei Stunden plötzlich das Schlusswort – worum sie ebenso wenig zu beneiden ist wie um die schwere Aufgabe, die Weichen für die Zukunft der Kirche und ihrer Kirchen zu stellen. „Wir, die Babyboomer, sind in der Kirche großgeworden und haben darin eine Heimat gefunden“, beschreibt sie und wird persönlich: „Jetzt müssen wir zusehen, dass nachfolgende Generationen diese Nähe nicht mehr fühlen und nicht mehr wollen.“

„Die Kirchen“ sollen die Demokratie retten. Doch ohne Menschen, die sich zur Kirche bekennen, wird das nicht funktionieren. Und ohne Menschen werden auch die Kirchengebäude keine Zukunft haben.

„Kirchengebäude haben Geschichte – haben sie auch Zukunft?“

„Kirchengebäude haben Geschichte – haben sie auch Zukunft?“ – unter dieser Frage steht ein Workshop-Tag, zu dem die Ev. Erwachsenen- und Familienbildung Westfalen und Lippe gemeinsam mit dem OIKOS-Institut für Mission und Ökumene am Samstag, 6. Dezember, von 10 bis 16 Uhr in die Deusenkirche, Deusener Straße 215 in Dortmund, einlädt. In verschiedenen Vorträgen und Beiträgen werden Konzepte, Analysen und Praxisbeispiele vorgestellt, die sich mit alternativen Nutzungen von Kirchengebäuden beschäftigen und in denen es um die kulturelle, historische und spirituelle Bedeutung der Kirche und ihrer Bauwerke geht.

Anmeldung

Interessierte Personen können sich unter der

In der Gebühr in Höhe von 25 Euro ist die Verpflegung für den Tag enthalten.

  • Samstag, 6. Dezember, von
    10 bis 16 Uhr,
    Deusenkirche,
    Deusener Straße 215 in Dortmund.