Was für ein Tag …

16.04.2022

Liebe Leserinnen und Leser,
Was für ein Tag. Die Vögel zwitschern in den Bäumen und es weht dieser leichte Frühlingswind durch die Straßen unserer Stadt. Ich weiß nicht, ob mein Gefühl trügt, aber ich würde sagen, der Winter ist vorbei und in mir regt sich diese unbändige Freude und ein seufzendes ENDLICH kommt mir über die Lippen.
Ich gehe spazieren, alles ist grün, ich sehe und rieche, wie alles neu wird. Das war Ende März auch schon mal so, aber dann kam der Schnee wieder und warf mich in meiner Laune gefühlt um Monate zurück, aber jetzt …
Die Uhr an Reinoldi schlägt vier, Zeit irgendwo einen Kaffee zu trinken, vielleicht gibt es sogar leckeren Kuchen – oder eine Waffel. Ich gehe hinein in mein Lieblingscafé im Herzen dieser Stadt. Draußen wäre es mir noch zu frisch, aber die geöffnete Fenstertür hier ist genau richtig – geborgener Zwischenraum.
Da kommt schon der Kellner – schnell und fröhlich. Ich stehe noch und fange an mit: „Ich hätte gerne einen …“
Da sagt er: „Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“
Ich muss wirklich sagen, ich bin überrascht. Das hat schon ewig keiner mehr zu mir gesagt und das lag bestimmt nicht nur an Corona. Ich merke, wie es in mir drin ganz warm wird. Ich fühle mich plötzlich gesehen und beachtet, wie schon lange nicht mehr. Da kümmert sich jemand um mich, da nimmt mir jemand was ab – eine Last von meinen Schultern.
Das ist mein Wintermantel, den habe ich jetzt Monate getragen, nicht nur draußen, auch drinnen, das L in AHA+L steht für Lüften. Manchmal denke ich, es gibt kaum jemanden, der mich nicht digital, sondern ganz in Echt ohne diesen Mantel kennt.
Der Mantel ist warm und schwer. Und der Kellner will mir daraus helfen – mein ganz persönliches Frühlingserwachen.
„Ja“, stottere ich und lasse es einfach geschehen.
„Ich hänge ihn hierhin.“
Danke“, sage ich und setze mich und fange an, nachzudenken.
Ich bin froh, die Schwere des Mantels los zu sein. Da steckte viel in den Taschen, was sich über die letzten Monate und Jahre so angesammelt hat. Das habe ich mit mir rumgeschleppt. Die Angst vor Ansteckung, die immer mit dabei ist, genauso wie die Trauer. Ich habe wie viele andere Menschen verloren – ohne mich richtig vorbereiten und verabschieden zu können. Menschen, die mir wichtig waren oder die Welt einfach schöner gemacht haben. Und der ganze Rest, den das Leben so mitbringt, ist ja auch noch da: Albträume vom Krieg und Sorgen, wie das weitergehen soll. Es gab wenig Möglichkeiten, das zu teilen und damit ein Stück loszuwerden. Bei mir ist das einfach in den Taschen hängen geblieben. Das macht den Mantel schwer.
Ich frage mich: ob ihre Mäntel auch so schwer waren? Tücher und Öl sind auf jeden Fall dabei, als sich die Frauen auf dem Weg zum Grab machen. Sie wollen Jesus die letzte Ehre erweisen, ihn salben. So erzählt es zumindest Lukas, der Evangelist aus dem neuen Testament unserer Bibel. Und ich stelle es mir vor: Die Tränen laufen ihnen über das Gesicht und die Seelen sind voll von den schrecklichen Bildern der letzten Tage. Jesus ist tot – hingerichtet am Kreuz. Und mit ihm sterben alle guten Momente der letzten Jahre. Er hat sie verteidigt, er hat sich für sie eingesetzt, eigentlich für alle Schwachen. Er hat sie beachtet und zum Leben gebracht. „Lass Dich nicht kleinkriegen, für Gott bist Du genau richtig!“ oder ein „Erzähl es mir doch einfach“ waren seine Worte und die haben sie verändert – innen drin. Diese Worte haben damit mehr bewegt als alle Macht oder alles Geld der Welt. Und jetzt? Jetzt sind sie wieder ganz die Alten ohne Aussicht auf Besserung. Jesus ist tot. Ihre Mäntel sind so schwer – die Last des sinnlosen Lebens, das zum Sterben verurteilt ist, liegt auf ihren Schultern – und macht sie klein.
Sie kommen zum Grab. Es ist offen. Der Stein ist weggerollt – ich halte den Atem an.
Eine weiße Gestalt. Kleider aus Licht. Und sie spricht:
Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden.“
Die Frauen laufen los, so schnell sie können; Engel begegnen einem nicht alle Tage und können Angst machen. Aber je weiter sie sich vom Grab entfernen, umso bedeutender werden seine Worte – er ist nicht hier, er ist auferstanden. Als sie nicht mehr können, bleiben sie stehen. Die Mäntel sind auf der Strecke geblieben. Erst mal zu Atem kommen. Sie gucken sich in die Augen und fangen an zu lächeln. Und dieses Lächeln reicht für alle Zeit.
Es tut mir leid, es hat etwas gedauert“, sagt der Kellner, der meinen Kaffee in der Hand hält.
Alles in Ordnung?“, fragt er.
Ja, ganz wunderbar“, sage ich.
Ihre Leonie Grüning
Stellvertretende Superintendentin