24.11.2021

Mit „25 km/h“ auf der Suche nach dem gelobten Land

Kino und Kirche: außergewöhnlicher Gottesdienst in St. Reinoldi

Mit dem Mofa durch die Kirche fahren – und das auch noch im Talar? Kaum vorstellbar! Und das Ganze in Dortmunds ehrwürdiger Stadtkirche St. Reinoldi? Susanne Karmeier und Bernd Becker haben es sich getraut. Zusammen mit ihrem Kollegen Christian Höfener-Wolf hatten sie am Ewigkeitssonntag eingeladen zum Gottesdienst „Kino und Kirche“. Nach coronabedingter Pause konnte das außergewöhnliche Gottesdienstformat endlich wieder stattfinden.

Im Mittelpunkt des Gottesdienstes: der Film „25 km/“ von Regisseur Markus Goller mit Bjarne Mädel und Lars Eidinger in den Hauptrollen. Er beginnt mit einer handfesten Prügelei bei einer Trauerfeier. Zwei ungleiche Brüder treffen sich zur Beerdigung ihres Vaters nach Jahrzehnten wieder. Und dann brechen sie spontan zu einer Reise auf, vom Schwarzwald bis zur Ostsee. Und das alles auf ihren alten Mofas. Mit 25 km/h geht es also quer durch Deutschland. Und dabei nimmt der Film die Betrachter*innen, so auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gottesdienstes, mit auf eine Reise zu sich selbst.

Stadtkirchenpfarrerin Susanne Karmeier, Pfarrer Christian Höfener-Wolf und Pfarrer Bernd Becker setzten dazu das Roadmovie in Beziehung zu biblischen Geschichten. Das Volk Israel bricht aus der Unterdrückung in Ägypten auf, die beiden Brüder im Film flüchten zum Timmendorfer Strand. Alle auf der Suche nach dem „gelobten Land“ und einem selbstbestimmten, erfüllten Leben.

„Ich glaube, es gibt Sachen, die sollen einfach nicht sein“, sagt einer der beiden noch zu Beginn der Reise resignativ. Aber der Ausbruch aus dem Alltag bringt neue Wendungen in ihre Lebensentwürfe. Wie die schwarzen Anzüge der Brüder immer zerknitterter werden, lockern sich die festgefahrenen Vorstellungen von ihrem Leben. Und das alles im Retro-Charme auf knatternden 1980er-Jahre-Mofas.

Filmszenen, Bibeltexte und meditative Gedanken brachten eine nachdenkliche Atmosphäre in die Reinoldikirche. Und immer wieder gab es auch Anlass zum Lachen. Film wie Gottesdienst verursachten eine Achterbahn der Gefühle, humorvoll und tiefsinnig zugleich. Musikalisch gestaltet wurde der Gottesdienst aus der Reihe „Kirche und Kino“ vom Duo „High Infidelity“ aus Ostwestfalen. Katharina Schlotmann und Bernd Tiggemann spielten live Songs aus dem Soundtrack des Films, mal feinfühlig, mal rockig.

Szenenapplaus gab es, als Susanne Karmeier und Bernd Becker am Ende auf einer Zündapp von 1980 aus der Kirche knatterten. Den rund 90 Besucherinnen und Besuchern in der Stadtkirche blieb der Eindruck des Gottesdienstes, der den Film mit persönlichen Erfahrungen und biblischen Bildern in Verbindung brachte. Auch die Gewissheit blieb, dass es sich lohnt, sich selbst wieder auf die Spur zu kommen, gerne auch mit 25 km/h. Hin und wieder das eigene Leben neu zu justieren, das kann nur Gottes Wille sein. Am Tag nach dem Gottesdienst in St. Reinoldi war der Film in voller Länge in der Dortmunder Schauburg zu sehen.

Foto: Stephan Schütze
Mit dem Mofa in St. Reinoldi, v.l.: das Pfarrteam Christian Höfener-Wolf, Bernd Becker, Susanne Karmeier und das Duo „High Infidelity“: Bernd Tiggemann und Katharina Schlotmann.
Foto: Stephan Schütze